Verdrängte Vergangenheit

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Bereits 1968 fertiggestellt, wurde Mieczysław Weinbergs Die Passagierin erst 2010 bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt. Anfänglich zensiert, zählt die Oper heute als ein wichtiges Werk der Erinnerungskultur.

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© Birgit Gufler

Das Libretto zu Die Passagierin basiert auf der autobiografisch gefärbten Novelle von Zofia Posmysz – einer polnischen Auschwitz-Überlebenden: Im Jahr 1960 treffen sich die ehemalige Aufseherin Lisa und die frühere Gefangene Marta bei einer Schiffsüberfahrt von Europa nach Brasilien wieder. In filmschnittartigen Rückblenden wird Lisa mit ihrer verdrängten Vergangenheit als SS-Wärterin konfrontiert. Regisseur Johannes Reitmeier und Dirigent Tommaso Turchetta sprechen über ein berührendes Bekenntnis gegen das Vergessen:

Die Handlung in Die Passagierin wird mittels Rückblenden erzählt. Wie sind Sie damit bei der Produktion umgegangen – vor allem hinsichtlich des Bühnenbilds?
Johannes Reitmeier: Wir haben uns bewusst gegen jedes dekorative Element entschieden. Im Sinne der Fokussierung auf das Wesentliche bespielen wir einen Einheitsraum, der eigentlich keiner ist. Bühnenbildner Thomas Dörfler hat eine Installation, eine Art Skulptur geschaffen, die gleichzeitig Elemente eines Schiffs und des Vernichtungslagers in sich vereinigt. Das ermöglicht einerseits rasche Szenenwechsel, setzt andererseits Rahmen- und Binnenhandlung immer wieder in direkte Beziehung. Ich finde, es sieht eindrucksvoll aus.

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Haben Sie sich von anderen Inszenierungen inspirieren lassen – zum Beispiel von der Uraufführung in Bregenz oder der Inszenierung der Grazer Oper?
Reitmeier: Ich saß damals als Zuschauer in der Bregenzer Uraufführung und kenne auch die Grazer Produktion. Beide waren auf eine grundlegend unterschiedliche Art überzeugend und wirken auf mich nach. Dennoch bemühe ich mich um eine eigene Interpretation mit neuen Aspekten. Mein Anliegen ist es, den Figuren noch etwas mehr Individualität zu verleihen.

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Was bedeutet das für die zwei Hauptfiguren, Lisa und Marta?
Reitmeier: Beide Frauen sind komplexe Persönlichkeiten, wobei sich Marta als der souveränere und letztlich dominierende Charakter erweist. Lisa Franz gerät durch ihre erzwungene Lebensbeichte immer mehr in Panik, die sich beinahe bis zum Wahnsinn steigert. Der Schluss der Oper endet für sie in einem einzigen Fanal, während Marta geradezu abgeklärt, in sich ruhend erscheint.

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Kann eine kontroverse Figur wie Lisa Franz teilweise sogar als Opfer bezeichnet werden?
Reitmeier: Ich fände es fatal, einer einzigen KZ-Aufseherin in dieser Funktion einen Opfer-Status zuzugestehen. Im Roman wie in der Oper ist Anna Lisa Franz zwar nicht nur eine gewissenlose oder gar bestialische Täterin, sondern auch eine Getriebene, die mit sich hadert und um die Reste ihrer Menschlichkeit ringt. Gleichzeitig ist sie von der Legitimierung ihres Tuns, im Sinne einer „neuen Ordnung“, aber zutiefst überzeugt.

„Es ist mir ein persönliches Anliegen, mich nun diesem
wichtigen Thema widmen zu dürfen.
Dass es bedrückend ist, spielt dabei
keine Rolle. Man muss sich der Realität stellen.“

Johannes Reitmeier

Fanden Sie es schwierig, sich mit so einer düsteren Thematik auseinanderzusetzen?
Reitmeier: Meine Eltern gehörten der Kriegsgeneration an. Ich habe ihnen viele Fragen zu der Zeit des Nationalsozialismus gestellt. Ich wollte, wie viele junge Menschen in den Siebziger Jahren, die Wahrheit herausfinden, und das Thema hat für viele Diskussionen in unserer Familie gesorgt. Es ist mir ein persönliches Anliegen, mich nun diesem wichtigen Thema widmen zu dürfen. Dass es bedrückend ist, spielt dabei keine Rolle. Man muss sich der Realität stellen.

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Herr Turchetta, wie würden Sie die Musik beschreiben?
Tommaso Turchetta: Bei dieser Oper fällt besonders auf, dass jeder musikalische Moment die Handlung und vor allem die psychologische Wirkung der Geschichte widerspiegelt. Es gibt keine Zeile, die nur geschrieben wurde, um einen Zeitraum zu überbrücken. Stilistisch würde ich Weinberg als sehr explorativ beschreiben. Gleichzeitig gibt es viele klassische Momente. Das lässt seine Musik für unser Gehör vertraut erscheinen.

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Kommt auch die Tragik der Geschichte musikalisch zum Ausdruck?
Turchetta: In manchen Szenen kommt die emotionale Schwere deutlich zum Ausdruck – beispielsweise, um auf die Absurdität des Krieges hinzuweisen oder um die Legitimierungsversuche der Deutschen als etwas Verzerrtes wiederzugeben.

In der Oper wird neben Deutsch auch Englisch, Französisch, Polnisch, Tschechisch, Jiddisch und Russisch gesungen. Welche Wirkung soll dadurch erzeugt werden?
Turchetta: Die Vielsprachigkeit soll vor allem Authentizität erzeugen. Dem Publikum wird so ermöglicht, eine bessere Verbindung zur Handlung aufzubauen – zu einer Geschichte, die in der Realität verankert ist.

Interview: Natalie Hagleitner


Die Passagierin

Oper von Mieczysław Weinberg.
Text von Alexander Medwedew nach dem
gleichnamigen Roman von Zofia Posmysz

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